Allgemein

Cosmic Horror: Call of Cthulhu

Als H. P. Lovecraft seine ersten Kurzgeschichten ab 1905 veröffentlicht hat, war ihm sicherlich nicht bewusst, dass er einer der bedeutensten Horrorautoren werden würde. Seine Vorstellung von Horror und dessen Wesensart leben bis heute weiter: der Cthulhu-Mythos. Zu Lebzeiten blieb Lovecraft weitestgehend unbedeutend und sein Erfolg bescheiden, was bedeutete, dass er immer mehr verarmte. Lukrativere Schreibarbeiten wie beliebte Groschenromane lehnte er mit Überzeugung ab und blieb bei seinen Visionen und Ideen. Für Horrorfans ein Segen, denn gerade seine letzten Jahre waren die produktivsten: „At the Mountains of Madness“ oder „The Whisperer in the Dark“ sind in dieser Zeit entstanden. Letzt genannte ist übrigens eine meiner absoluten Lieblingsgeschichten von ihm.

Die Inspiration, die Lovecraft mit seinen Werken gestreut hat, ist enorm, und sein Cthulhu-Mythos (Lovecraft selber hat diesen Begriff übrigens nie verwendet) wird in unzähligen Spielen thematisiert und verarbeitet. Im Brettspielbereich sind Eldritch Horror und Arkham Horror (jetzt in einer Neuauflage erhältlich) sehr gute Beispiele, als Kartenspiel Arkham Horror Living Card Game (über das ich ebenfalls schon mehrfach hier spoilerfrei berichtet habe (Die Nacht des Zeloten, Das Vermächtnis von Dunwich, Der Pfad nach Carcosa – noch im alten Blog zu finden). Mit Call of Cthulhu (*) und Fthagn gibt es sehr gute Pen&Paper-Rollenspielsysteme.

 

Es ist jedoch zu bedenken und vor allem nicht zu vergessen, dass Lovecraft rassistische, frauenfeindliche und anti-semitische Züge hatte. Seine Werke sind folglich stellenweise sehr kritisch zu betrachten und zu behandeln; siehe hierzu z. B. der Artikel „Der Fall H.P. Lovecraft“ auf Tor-Online von Lars Schmeink.

 

Call of Cthulhu (übersetzt: Der Ruf des Cthulhu) ist der Titel einer Geschichte Lovecrafts aus dem Jahr 1926, damals erschienen im Magazin Weird Tales. Nachdem der Begriff Cthulhu-Mythos gebräuchlich geworden ist, wird offenbar gerne dieser Kurzgeschichtentitel für Spiele verwendet, um gleich die anvisierte Thematik darzulegen.

 

Call of Cthulhu PS4
Startbildschirm (eigene Aufnahme)

Wahnsinn betreten

Wahnsinn betreten – mit diesen Worten wird man aufgefordert, das passenderweise zu Halloween erschiene Videospiel Call of Cthulhu zu starten. Und schnell wird einem klar, dass „Wahnsinn betreten“ wörtlich zu nehmen ist … In Call of Cthulhu übernimmt man im Jahr 1924 die Rolle des Privatdetektivs Edward Pierce, einem leicht abgestürzten Veteranen des 1. Weltkrieges. Man wird beauftragt, den tragischen Tod der Familie Hawkins auf der entlegenen Insel Dark Water Island, weit vor der Küste Bostons, aufzuklären. In was Pierce da hineinschlittert, ist erschütternd, verstörend, und mündet in kosmischen Horror. Auf der schön gestalteten Website zum Spiel gibt es noch mehr Informationen.

 

Über den Inhalt möchte ich bewusst nichts sagen, denn das würde das persönliche Erlebnis deutlich schmälern. Call of Cthulhu ist ein Third-Person-Game und wechselt nur in einigen Cutscenes in die Filmansicht. Die Immersion ist damit hoch und es gelingt, sich mit Edward Pierce zu identifizieren. Entsprechend hineingezogen wird man in den Wahnsinn, der ihm widerfährt. Call of Cthulhu schafft es gleich zu Beginn, unheimlich gut Atmosphäre aufzubauen und kann diese bis zum Schluss halten. Dass das Spiel die heutzutage graphischen Möglichkeiten nicht voll ausschöpft ist zwar zu merken, stört aber nicht im Geringsten. Zu spannend sind die Erkenntnisse, die Pierce mit seinen Ermittlungen gewinnt. Toll gemacht ist, wie er Geschehnisse rekonstruiert und sich nach und nach ein Bild ergibt – welches mit Wonne wieder Unschärfen bekommt, gar zerbröckelt und wie Sand zwischen den Fingern hindurchrieselt.

 

Wieder bin ich an einem Punkt gelangt, an dem es mir sehr schwer fällt, weiter zu erzählen. Ich sollte inzwischen abgehärtet sein, doch es gibt Erlebnisse, die zu tiefe Wunden verursachen, um je eine Heilung zu gestatten. – aus „Berge des Wahnsinns“, H. P. Lovecraft

Großartig ist die Darstellung, wie der Wahnsinn an Pierce‘ Verstand nagt und sowohl er, als auch der Spieler / die Spielerin, stellenweise nicht mehr unterscheiden kann, was real ist und was nicht. Es handelt sich vorwiegend um unterschwelligen Horror, wobei es einige wenige Jump Scares gibt, die vielleicht auch wegen ihres spärlichen Einsatzes gute Wirkung erzeugen. Hinzu kommen ausgezeichnete musikalische Untermalung und Soundeffekte, sowie erstklassiges Voice Acting (in Englisch mit deutschem Untertitel).

Immer wieder trifft man auf Stellen, bei denen es nach der getroffenen Entscheidung heißt „Das wird dein Schicksal verändern“, was bedeutet, dass der Spielverlauf nicht bei jedem Durchgang gleich verlaufen wird. Gleiches gilt auch für das Finale, in dem Pierce eine schwere Entscheidung treffen muss. Ein erneutes Spielen nach angemessener Pause (um manche Rätsel und Geschehnisse nicht zu präsent zu haben) ist also auf jeden Fall möglich. Sicherlich gibt es auch noch abseits des Weges etwas zu entdecken, was man beim ersten Durchgang von Spannung, Grusel und Beklemmung gepackt übersehen hat.

 

Eine Sekunde lang verspürte ich absolute Verzweiflung, da ich in einer Kammer ohne Fenster in der Falle zu sitzen schien. Eine Welle unvorstellbaren Entsetzens brach über mich herein und verlieh den im Licht der Taschenlampe sichtbaren Staubspuren des Eindringlings, der zuvor versucht hatte, in mein Zimmer zu gelangen, eine schreckliche, aber unerklärliche Besonderheit. – aus „Der Schatten über Innsmouth“, H. P. Lovecraft

Insgesamt ging das Spiel länger, als ich dachte, findet aber den richtigen Punkt, um nicht in die Länge gezogen zu wirken. Einen Schwierigkeitsgrad kann man generell nicht einstellen, wobei ich ihn als angemessen empfand. Nur stellenweise gibt es kleine Dämpfer im Spielfluss, wenn man die Lösung an manchen Stellen nicht findet und sich lange an derselben Stelle aufhalten muss. Das bremst den Spielfluss und die Zugkraft der Story; hier hätte ich mir z. B. nach einer bestimmten Zeit eine Hilfeoption gewünscht, um nicht festzusitzen (Ungeduldige lesen ohnehin dann im Internet nach, also könnte man das auch in Spiel integrieren; wer tüfteln will, kann das ja weiterhin tun). Aber das ist nur bei zwei oder drei Stellen aufgetreten und wenn man es dann doch ohne Hilfe geschafft hat, ist das Erfolgserlebnis um so schöner. Action darf man generell nicht erwarten, dafür besten cthulhuoiden Cosmic Horror.

 

Fazit

Mit Call of Cthulhu ist es hervorragend gelungen, den Cosmic Horror von H.P. Lovecraft in ein Video Game zu transferieren  Die Immersion ist Dank packender Story, großartigem Voice Acting und Abbildung geistigen Verfalls sehr hoch. Wiederspielwert ist durch zahlreiche, spielverändernde Entscheidungen gegeben. Es bietet großartige Spielstunden und bei dem moderaten Preis (ca. 50 € neu) kann man insbesondere als Cthulhu-Mythos-Fan bedenkenlos zugreifen.

 

(Affiliate-Link)

Das Spiel betreffend:

(c) 2018 Chaosium Inc. Call of Cthulhu is a video game published by Focus Home Interactive and developed by Cyanide SA. „Call of Cthulhu“ is a trademark of Chaosium, Inc. All trademarks or registered trademarks belong to their respective owners. All rights reserved

Allgemein

Leipziger Buchmesse 2018

Von Wintereinbrüchen und tollen Bookpeople

Leipziger Buchmesse 2018 LBM18 The Nerd Inn

Nachdem ich letztes Jahr nur Tagesgast bei der LBM17 war, und das sehr bedauert habe, habe ich mir für dieses Jahr Donnerstag bis Samstag für die Leipziger Buchmesse 2018 Zeit genommen, und sollte nicht enttäuscht werden. Von supertollen Begegnungen und Gesprächen über Wintereinbruch und Zugchaos wurde mein Messebesuch zum echten Abenteuer.

„Es ist eine gefährliche Sache, Frodo, aus deiner Tür hinauszugehen. Du betrittst die Straße, und wenn man nicht auf seine Füße aufpasst, weiß man nicht, wohin sie einen tragen.“ – J.R.R. Tolkien „Der Herr der Ringe“

Ich wusste das zwar schon, aber aufregend wurde die Reise dennoch für mich. Die Anreise verlief zunächst nach Plan und hielt sogar eine angenehme Überraschung bereit: Ich hatte vergessen, dass ich damals beim DB-Ticketkauf offenbar ein günstiges 1.-Klasse-Ticket erwischt habe und konnte mich über einen sehr komfortablen Platz im Zug freuen. Beim Bahnhof Erfurt gab es jedoch einen Zwischenfall: Schräg vor mir saß ein älteres Ehepaar, und der Mann brach in seinem Sitz zusammen und war nicht mehr ansprechbar. Während die umliegenden Fahrgäste sich um ihn gekümmert haben, bin ich losgehetzt, um das Zugpersonal zu informieren. Die Ersthelfer waren dann auch schnell vor Ort, wie auch ausgerufene Ärzte unter den Fahrgästen. Es wurde natürlich auch der Notarzt informiert – nur der kam nicht. Erst nach mehrmaligem Alarmieren und guten 40 Minuten später waren Sanitäter am Zug. Der Mann war zum Glück längst wieder ansprechbar, aber wenn es sich um einen Schlaganfall oder Herzinfarkt gehandelt hätte – nicht auszudenken. Der Zug hatte infolgedessen fast eine Stunde Verspätung, aber nicht mal im Ansatz kam Unmut darüber bei mir auf. Während die Fahrt für das Ehepaar statt in Berlin im Krankenhaus endete, konnte ich weiterfahren und kam gut in meinem Hotel an.

Leipziger Buchmesse 2018 LBM18 The Nerd Inn

Ich habe es sogar noch pünktlich zu meinem Standdienst von 14-17 Uhr in der Phantastik-Autoren-Lounge geschafft, und konnte rundum zufrieden sein. Das erste „Hallo“ mit bekannten Gesichtern war wunderbar und dieser Effekt sollte die nächste Zeit anhalten. Je mehr man sich kennt, desto schöner wird es, und es kommen immer weitere neue, intressante Leute hinzu. Den Donnerstag habe ich ruhig und früh ausklingen lassen, denn am Freitag hatte ich mir ein straffes Programm zurecht gelegt. Über die kühlen Temperaturen und vereinzelten Schneeflocken habe ich mir zu diesem Zeitpunkt noch keine Gedanken gemacht …

Messe-Freitag

Am Freitag war ich pünktlich zu Messebeginn da, denn gleich um 10:30 Uhr ging es zu einem Vortag zum Thema „Netzwerken“. Es war sehr informativ und ich war zufrieden, soweit alles gut zu machen. Netzwerken war zu Beginn meiner Reisetätigkeiten im Rahmen der Schriftstellerei absolutes Neuland für mich, und entsprechend unsicher habe ich mich Anfangs gefühlt. Aber es gelingt mir immer besser und es macht richtig Spaß. Weiter gings im Programm mit den Themen Selfpublishing, Social Media und Book Marketing. Tja, und dann war es schon später Nachmittag … Den Rest des Tages bis zum Messeschluss habe ich in der Phantastik-Autoren-Lounge verbracht, und bin dann diesmal Richtung Innenstadt gezogen. Das Schneegestöber wurde übrigens immer mehr, aber auch da war ich immer noch ruhig …

Leipziger Buchmesse 2018 LBM18 The Nerd Inn

Für den Freitag Abend hatte ich mir vorgenommen, einen Irish Pub in Leipzig aufzusuchen, und Nahe dem Hauptbahnhof befand sich das Morrison’s. Irgendwie habe ich es versäumt, zu fragen, wer noch Interesse hätte, also habe ich es einfach mal über Twitter unter dem Hashtag #lbm18 versucht – und prompt hat sich jemand gemeldet. Sebastians Hotel war nicht weit und er wollte sowieso dorthin, weil dort die Veranstaltung #9lesen stattfand (das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm). Die war jedoch schnell voll und wir haben keinen Platz mehr bekommen, also sind wir an der Bar gelandet. Dort neben uns sind wir mit Hannah ins Gespräch gekommen, und Hannah ist niemand geringeres als die Erfinderin von monstermotivation.de – was für ein Zufall! Auch wenn wir die Lesung verpasst haben, hatten wir einen super Abend zusammen und ohne Probleme bin ich noch mit dem Zug nach Delitzsch (etwas auserhalb von Leipzig) gekommen. Aber der nächste Tag, der Samstag und auch mein Heimreisetag, wurde zur Zerreißprobe.

Leipziger Buchmesse 2018 LBM18 The Nerd Inn

Vom Regen in die Traufe: der Samstag

Nach einer guten, letzten Nacht im Hotel und einem angenehmen Frühstück bin ich mit Sack und Pack durch reichlich Neuschnee und frostiger Kälte zum Bahnhof in Delitzsch. Dort stand ein Zug, allerdings nicht der, den ich nehmen wollte, sondern noch der vorherige. Denn: Es ging nichts mehr. Zusammen mit anderen Fahrgästen, die auch zur Messe wollten, haben wir uns ein Taxi genommen und sind dann mit einiger Verzögerung dort gut angekommen. Ich hatte wieder Standdienst und mit jedem, der es zur Messe geschafft hatte, wuchs meine Panik. Weder Regionalzüge, S-Bahnen noch Fernverkehr konnte fahren. Der Leipziger Hauptbahnhof war zeitweise komplett gesperrt, und für heute Abend stand eigentlich meine Heimfahrt an.

Die Lage schien sich nicht zu entspannen und somit musste ich meinen letzten Messetag leider frühzeitig abbrechen. Gegen 13:30 Uhr hatte ich das Gefühl, lieber jetzt schon zum Hauptbahnhof zu fahren, denn ich hatte den Eindruck, dass ich froh sein konnte, überhaupt noch irgendeinen Zug Richtung München zu erwischen. Am Leipziger Hauptbahnhof war natürlich Chaos und nach zwei Stunden Warten im Reisezentrum der DB wurde mir ein Zug genannt, der zufällig in 5 Minuten nach München fährt. „Wenn Sie da mitkommen, empfehle ich Ihnen den zu nehmen“, hieß es und schon bin ich losgehetzt. Tatsächlich kam der Zug und fuhr Richtung Süden! In Erfurt gab es nochmal kurze Hektik, da man in einen anderen Zug umsteigen konnte, der über Nürnberg nach MUC fuhr, nicht wie der bisherige über Frankfurt, und somit gute zwei Stunden schneller war. Dann aber war alles gut, und ich war wirklich froh, es nach Hause ohne weitere Zwischenfälle geschafft zu haben. Der Hashtag #LBMGoesWinter hatte übrigens Hochkonjunktur.

Fazit:

Es war eine großartige Messe mit vielen tollen Begegnungen und Eindrücken, und sie hat auch mein schriftstellerisches Stimmungstief zwar nicht gänzlich, aber doch deutlich abfangen können. Nächstes Jahr werde ich sicherlich wieder hinfahren, diesmal aber bitte #LBMGoesSommer. 🙂

Leipziger Buchmesse 2018 LBM18 The Nerd Inn