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Quickcheck Cyberpunk 2077: Punk oder Bug?

Im Jahr 2012 hat das Entwicklerstudio CD Projekt Red nach The Witcher 3: Wild Hunt im Jahr 2012 ihr nächstes großes Ding angekündigt: Cyberpunk 2077. Basierend auf dem fast gleichnamigen Rollenspiel Cyberpunk 2020 findet die Videospieleadaption 57 Jahre in der Zukunft statt. Ort des Geschehens ist die fiktive Stadt Night City in Kalifornien. Mit dem dritten Teil um den Hexer Geralt of Riva hat CD Projekt Red ein phänomenales Open-World-Spiel produziert. Ist ihnen das mit Cyberpunk 2077 wieder gelungen?

Für Eilige: Hack dich zum Fazit!

Willkommen in Night City

Als SpielerIn übernimmt man die Kontrolle über „V“, einer Person, die sich in Night City nicht nur auf der Straße einen Namen machen will, sondern auch in eine größere Geschichte hineingezogen wird. Zu Beginn des Spieles erstellt man sich seine Version von V und kann hier hinsichtlich Optik und auch Geschlecht ausnahmlos frei und somit sehr divers gestalten. Zum Einstieg wird noch einer der drei persönlichen Ausgangssituationen gewählt (Streetkid, Konzerner, Nomade) und dann geht es los.

Wer The Witcher 3: Wild Hunt kennt, wird sich schnell zurecht finden: Night City ist riesig und die Interesse weckenden Symbole auf der Map nehmen kein Ende. Es gibt sowohl Haupt- und Nebenmissionen, als auch Aufträge und kleinere Ereignisse in der Stadt. Um von A nach B zu kommen bietet es sich an, ins Auto zu hüpfen (oder später auch auf ein Motorrad) und loszudüsen. Da springt dann auch das Radio an und in der Senderauswahl ist von Heavy Metal bis Electro für jeden Musikgeschmack etwas dabei. Stadtviertelgrenzen werden ohne Ladezeiten passiert (sogar auf der PS4 … 😉 ) und alle paar hundert Meter lockt ein Ereignissymbol, Shop, Ripperdoc oder bis dato unbekannter Ort, doch wieder anzuhalten. Die Fahrten durch die Stadt finde ich derart cool, dass ich lange erst gar nicht realisiert habe, dass es auch Schnellreisepunkte gibt …

Das Gameplay

Die Steuerung lässt sich gut bedienen und auch jemand wie ich, der kein Shooter-Experte ist, kommt bei moderat gewähltem Schwierigkeitsgrad gut zurecht. Allerdings müssen keinesfalls nur die Schusswaffen sprechen. Neben Nahkampfmöglichkeiten können auch auch über Vs Implantate zahlreiche Objekte wie Überwachungskameras, Screens oder gar GegnerInnen gehackt werden, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Ob eine Mission als Frontalangriff oder im Stealthmodus bewältigt wird, entscheidet allein der Spielende, nicht die Mission. Es gibt hier keine Vorgabe, sondern völlige Freiheit für jeden Spielstil. Das finde ich ausgezeichnet und bedient wie das Radio jeden Geschmack.

Beim Fahren auf der Straße bin ich auch nicht unbedingt wettkampftauglich, komme aber nach kurzer Eingewöhnung sowohl mit vier als auch zwei Rädern zurecht. Spätestens da kommt auch etwas GTA-Feeling auf, da man auch hier viele Bewegungsfreiheiten genießt und entweder anständig oder wild fahren kann. Nicht nur der Radiosender für die musikalische Untermalung kann gewechselt werden, sondern auch je nach Vorliebe die Perspektive der Fahrzeugsteuerung. Ich habe auch hier die First-Person-Persektive liebgewonnen, da es die Immersion enorm erhöht.

Im Menü finden wir neben dem Skillsystem auch den Rucksack und das Journal, in dem sowohl die Missionen, wie auch Nachrichten und interessante gefundene Textfragmente aufbewahrt werden. Hier wird festgelegt, was eure Spielfigur gerade als „Rüstung“ anzieht. Das ist eine der wenigen Stellen, an denen man sich selbst mal vollständig sieht und die Kleidung bestaunen kann. Da das Äußere für das Gameplay wegen der First-Person-Perspektive keine Rolle spielt, wechselt man hier einfach nur stur nach besserem Rüstungsfaktor, was etwas schade ist. Das Aussehen ist manchmal echt abenteuerlich, ist aber auch wiederum für das Spiel völlig egal. Hier wäre eine andere Lösung sinnvoller gewesen, als nur ständig Hose, Jacke und dergleichen aufgrund bessere Stats zu wechseln. Ähnliches Schicksal teilen die Waffen. Weiterhin gibt es einige Consumables, die sich im Rucksack stapeln. Eine Cola erhöht z. B. für ein paar Minuten die Max HP, aber um sie zu trinken, muss immer in den Rucksack gewechselt werden. Eine nette Idee, aber etwas umständlich in der Umsetzung.

Crafting darf ebenfalls nicht fehlen. Wie schon Geralt bei The Witcher 3 kann V aus Bauteilen neue Dinge fertigen. Mit dem Crafting-System habe ich mich noch nicht eingehend befasst, um es beurteilen zu können. Wird auf höherem Schwierigkeitsgrad gespielt, ist es sicherlich unerlässlich, sich hier zu optimieren.

Ausgezeichnet gelöst ist die Gesprächsführung. Musste man bei The Witcher 3 noch in einen Gesprächsmodus einsteigen, erscheinen bei Cyberpunk 2077 sofort die Optionen, sobald man nahe genug an der Person dransteht. Bei HändlerInnen öffnet sich der Verkaufsscreen, aber ein bremsendes „Greetings“ und „So long“ wie bei The Witcher 3 ist nicht mehr notwendig – ausgezeichnet!

Die Open-World

Night City präsentiert sich als detailverliebte, wirklich prächtige Kulisse. Jedes Stadtviertel hat seinen eigenen Charakter und bietet optische Unterschiede. Die Straßen, Plätze und Gehsteige werden von NSC genutzt, wobei mir die PC-Version belebter erscheint. Night City ist leider aber überwiegend nur genau das: eine wundervolle Kulisse.

Die Polizei spricht schon mal eine Suchmeldung aus, wenn man Mist baut, aber das geht sehr schnell vorbei und ist nie lange ein Problem. Interaktionen mit der Stadt abseits der Symbole auf der Map sind leider nicht möglich. Viele Personen können zwar angesprochen werden, mehr als ein Halbsatz gibt es jedoch selten, was sie zu beliebigen Statisten degradiert. Zugegeben: Bei der Größe und dem Umfang der Stadt auch noch NSC mit interessanten Gesprächsoptionen auszustatten, wird mal eine Aufgabe für eine KI in Spielen sein. Hier springen allerdings die tollen Nebenmissionen und Aufträge in die Bresche, die jede für sich interessante Kurzgeschichten erzählen – klasse!

Vieles in Night City reizt zum Ausprobieren, Hinsetzen, Interagieren, aber das geht sehr oft nicht. Wenn jedoch eine Hauptmission in eine Bar oder Diner führt, sieht es anders aus. Hier nimmt man beispielsweise auf einem Barhocker Platz und kippt während des Gesprächs auch mal einen Drink hinunter. Das ist großartig!

Neben den Missionsorten und Aufträgen gibt es reichlich Gelegenheiten, den Streetcredit zu erhöhen. Die Idee eines parallelen Stufensystems für das Ansehen auf der Straße und der damit verbundenen Qualität der Aufträge finde ich großartig. Neben simplen Raubüberfällen, bei denen man das NCPD bleihaltig unterstützen kann, bieten die Missionen abwechslungsreiche Inhalte wie das Retten einer Person, Bergen von Informationen oder ein Attentat. Das gibt das Gefühl, in Night City immer mehr wahrgenommen zu werden. Es häufen sich die Nachrichten oder Anrufe von Fixern, die jemanden für eine Problemlösung brauchen. Kaufangebote für coole Karren gibt es auch immer wieder. Was diese Aspekte anbelangt ist man schnell tief drin in Night City und entschädigt für die manchmal distanziert wirkende schöne Kulisse.

Cyberbug 2077?

Leider war der Start für die PS4-Version mehr als nur holprig: Er war eine Katastrophe. Am Erscheinungstag mussten zunächst satte 45 GB (ca.) heruntergeladen werden. Wenn man nicht früh um 8 Uhr damit angefangen hat wurde es mit Spielen am selben Tag sowieso nichts mehr. Hatte man diese Hürde genommen war das Spiel wegen zahlreicher Bugs inklusive mehrfachem Bluescreen quasi nicht spielbar. Zudem war festzustellen, dass es im Vergleich zur PC-Version deutliche graphische Einschränkungen gab – eine herbe Enttäuschung, die mich auch unvorbereitet getroffen hatte, da die PS4 graphisch durchaus grandiose Bilder liefern kann, wie The Last of Us Part II zeigt.

Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten und CD Projekt Red musste Abstriche für die Last-Gen-Consolen einräumen. Die Vermutung steht im Raum, dass dies bekannt war, aber der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wurde. Somit wirkt der angebotene Refund etwas fahl und wird wohl als Hürde groß genug sein, dass etliche das Spiel dennoch zähneknirschend behalten.

Immerhin bemüht sich das Entwicklerstudio seitdem nach Kräften, nachzubessern. Schon zwei Tage nach Release kam ein großer Patch für die PS4-Version, der eine deutliche Verbesserung vor allem hinsichtlich Spielstabilität brachte. Weitere folgten, momentan ist das Spiel bei Version 1.06, und für Januar und Februar 2021 sind weitere größere Updates angekündigt, die aus Cyberbug 2077 dann Cyberpunk 2077 machen sollen.

Die Spielstabilität ist in den Griff bekommen worden, aber die Bugs derart präsent und deutlich, dass es zum Heulen ist: Man sieht und spürt, dass Cyberpunk 2077 ein großartiges Spiel ist und nur durch die momentanen Bugs zunichte gemacht wird (gilt wie gesagt nur für die PS4-Version).

Fazit

Cyberpunk 2077 ist nach The Witcher 3: Wild Hunt das nächste große Open-World-Spiel des polnischen Entwicklerstudios CD Projekt Red. Das Spiel findet überwiegend in der fiktiven Stadt Night City statt, die durch Größe, Detailverliebtheit und Optik besticht. Sie ist jedoch momentan fast nur Kulisse, wenn auch eine sehr gelungene. Die Bedienung läuft reibungslos und ist hinsichtlich unterschiedlichen Spielstilen und Herangehensweisen bei den Missionen offen gehalten. Das Lootsystem bzw. Aufwerten der Spielfigur durch Waffen und Kleidung (Rüstung) ist nur werteorientiert, da die First-Person-Perspektive kaum einen Blick auf die eigene Spielfigur zulässt. Die anfänglichen großen Probleme der Last-Gen-Consolenversion sind in Angriff genommen worden und mindern den fahlen Beigeschmack der bösen Überraschung des Kaufs am Releasetag.

Zu den Missionen möchte ich inhaltlich noch nichts sagen, da ich hier sowohl die Hauptmission als auch die Nebenmissionen und Aufträge noch besser kennenlernen möchte. Das, was ich jedoch bereits erlebt habe, war ausgezeichnet: abwechslungsreich, spannend, emotional. Hier lohnt vermutlich mal ein eigener Blogpost. Wer das schrille, oft auch gewalttätige, aber ambientestarke Setting mit packender Story sowie Open-World-Spiele generell mag, ist mit Cyberpunk 2077 wirklich gut beraten.

Spielt ihr Cyberpunk 2077? Wie sind eure Erfahrungen damit? Schreibt es mir gern in den Kommentaren! 🙂

Alle Bilder stammen von der offiziellen Cyberpunk2077-Seite von CD Projekt Red. CD PROJEKT®, Cyberpunk®, Cyberpunk 2077® sind eingetragene Marken von CD PROJEKT S.A. © 2020 CD PROJEKT S.A. Alle Rechte vorbehalten.

Allgemein

Urlaubslektüren 2020

Man hat bekanntlich immer für das Zeit, für das man sich Zeit nimmt. Wenn kein Sightseeing-Urlaub ansteht, nutze ich den jährlichen Badeurlaub sehr aktiv zum lesen. Dieses Mal sind es drei Bücher geworden. Zweimal SciFi und einen Thriller; Fantasy hatte ich auch im Gepäck, aber schlichtweg keine Lust darauf. Zuerst habe ich Paradox von Phillip P. Peterson gelesen. Danach folgte Der Behüter von Catherine Shepherd und schließlich Exodus 2727 Die letzte Arche von Thariot. Ich habe alle drei gerne gelesen – wobei ich bei einem, eigentlich mein potenzielles Highlight, dann doch unübersehbare und für mich indiskutable Schwierigkeiten habe.

Paradox

Klappentext:
Ed Walkers letzte Mission endete beinahe in einer Katastrophe. Zwar konnte er sich und seine Crew retten, doch nun fürchtet er, als der Astronaut in die Geschichte einzugehen, unter dessen Kommando die Internationale Raumstation ISS zerstört wurde. Daher kann er sein Glück kaum fassen, als er die erste bemannte Weltraummission an den Rand des Sonnensystems anführen soll.
Mit an Bord ist auch der junge Wissenschaftler David Holmes, der das mysteriöse Verschwinden dreier Raumsonden untersucht. Doch als das Raumschiff den interstellaren Raum erreicht, lautet die wichtigste Frage der Menschheit nicht mehr: Sind wir allein im Universum? Sondern: Sind wir bereit für die Wahrheit?

Dieser Roman gehört ins Genre Hard-SciFi, was ich normalerweise nicht lese. Es ist mir oft zu technisch, hier aber wollte ich mich mal darauf einlassen. Peterson ist Ingenieur für Satellitenprogramme, was wenig verwunderlich für dieses Genre ist. Die technischen Darlegungen bleiben jedoch durchwegs auch für einen Laien sowie Genrefremden wie mich verständlich und sind gut in die Story eingebettet. Peterson versäumt es nicht, seine beiden Hauptfiguren ausführlich aufzubauen und gleichzeitig auf die große, zentrale Frage des Romans hinzusteuern.

Erst im letzten Viertel des Buches startet dann endlich die Mission an den Rand unseres Sonnensystems und dadurch wird klar, dass nicht mehr viel kommen kann. Wer eine Story im Weltall bzw. an Bord eines Raumschiffs erwartet, wird enttäuscht werden. War es zuvor noch ein ausführlicher Blick hinter die Kulissen der Raumfahrt, fast schon ein Lehrbuch in Storyformat, wird nun erzählerisch auf die Tube gedrückt. Der mehrmonatige Flug wird zügig abgehandelt und verläuft für mein Empfinden zu problemlos. Die Besatzung muss überwiegend die Zeit totschlagen, Reibereien kommen vor, werden aber gefühlt nur der formhalber angeführt. Im Zielgebiet angekommen geht es jetzt sehr schnell und der sachliche, faktengetriebene Schreibstil wird nun ein Hindernis. Es steckt eine spannende und auch erschreckende Idee hinter der Auflösung, die Peterson jedoch zu flott abhandelt. Zu guter Letzt wird man als LeserIn auch noch mit einem eher bedrückenden Gefühl zurückgelassen. Schade eigentlich, denn bis dahin war es vergnüglicher Lesespaß, der vom überstürzten und stimmungsmäßig düsteren Schluss jäh gebremst wird.

Der Behüter

Klappentext:
Mitten in einer kühlen Sommernacht wird eine Tote vor den Mülltonnen eines Krankenhauses gefunden. Spezialermittlerin Laura Kern findet herau, dass sie Frau zuvor in dieser Klinik behandelt wurde. Ein Überwachungsvideo zeigt sie mit einem Unbekannten, dem sie scheinbar freiwillig folgt. Laura ahnt sofort, dass dieser Mann nicht zum letzten Mal zuschlägt. Und tatächlich ist die nächste Patientin bereits spurlos verschwunden. Beide Frauen wurden von ihren Lebensgefährten misshandelt. Es sieht fast so aus, als wolle der unbekannte Mann sie aus ihrer misslichen Lage befreien. Doch warum tötet er sie dann? Laura Kern jagt einen Serienkiller, der eine Frau nach der anderen entführt und erst aufhören wird, wenn sie ihn stoppt.

Erst hinterher habe ich realisiert, dass es noch mehr Bücher bzw. Fälle mit der Figur Laura Kern gibt, weshalb ich die ein oder andere Anspielung nicht verstanden habe. Gleichwohl war das nicht relevant für die aktuelle Story, sondern vielmehr ein Goodie für regelmäßige LeserInnen. Die Story beginnt klassisch mit einer Leiche, treibt dann aber in unbekannte Gewässer. Durch Perspektivenwechsel zum Täter erfährt man nach und nach, was dieser vorhat und erfährt von seinem persönlichen Dilemma. Unterdessen arbeitet sich Laura Kern in ihren Ermittlungen voran. Einerseits hat mich der Schreibstil nicht sonderlich gefesselt, es blieb stellenweise irgendwie oberflächlich, gleichwohl wollte ich den Schluss erfahren. Gut hingegen hat die Autorin das Verwirrspiel mit den möglichen Verdächtigen gespielt. Das Ende löst den Fall zufriedenstellend und ohne unnötigen Twists in letzter Sekunde auf. Als Teil einer losen Buchreihe um die Ermittlerin Laura Kern gesehen, ein angenehmer Thriller.

Exodus 2727 Die letzte Arche

Klappentext:
Die USS London ist ein interstellares Siedlungsschiff auf dem Weg zu einer neuen Welt. Die Reisezeit beträgt 109 Jahre, die Ziel liegt 50 Lichtjahre entfernt. Die Fracht: drei Millionen menschliche Embryos und sieben Millionen Tiere. Die Besatzung besteht aus 490 Personen, die sich im Kälteschlaf abwechseln.
Alles läuft nach Plan. Bis der Ärztin Jazmin Harper auffällt, dass immer mehr Besatzungsmitglieder psychische Probleme bekommen. Gleichzeitig findet der Ingenieur Denis Jagberg Anzeichen, dass das Schiff deutlich älter ist als gedacht. Beiden ist schnell klar, dass irgendetwas nicht stimmt, doch bevor sie der Sache auf den Grund gehen können, kommt es zur Katastrophe.

Jammerschade, denn das hätte wirklich ein rund herum tolles Buch sein können. Hier stimmt sehr viel: Toll zu lesender Schreibstil, wohl dosiert mit Technikdetails angereichert, aber doch nicht wirklich Hard-SciFi. Sehr interessante Charaktere, die plastisch dargestellt werden und sich toll entwickeln. Die Story bietet vom Setting her viel Spannungspotenzial, welches gut ausgenutzt und weiterentwickelt wird. Die Geschichte ist in sich schlüssig und spielt gekonnt mit plausiblem echtem Inhalt und Fiktion (wie z. B. der Antriebstechnologie, einem Standartproblem für Hard-SciFi bzw. Near-Future-SciFi). Neben den im Klappentext erwähnten Hauptfiguren ist noch der Ermittler Finch zu erwähnen, der keine Gelegenheit auslässt, auf seinen Vater, dem das gewaltige Siedlungsprojekt zu verdanken ist, verächtlich zu schimpfen. Den konkreten Grund dafür erfährt man nicht. Das ist für die Hauptstory nicht relevant, aber da es so penetrant oft vorkommt, hätte es schon für meinen Geschmack noch abschließend thematisiert werden sollen. Die Geschichte wird zweigleisig erzählt, Finch auf der Erde und Geschehnisse an Bord der USS London. Während Finch seinem Vater und einer erschreckenden Wahrheit immer näher kommt, findet an Bord des Raumschiffes schon bald ein mörderischer Überlebenskampf statt. Auch hier durchschaut man allmählich die Situation und zusammen mit Finchs Voranschreiten in der Story erhält man als LeserIn ein schaurig-schönes Gesamtbild der Lage. Das Ende wird nicht überstürzt, sondern hier müssen die beiden Protagonisten nochmal alles geben – sehr schön!

Das war jetzt viel Lobeshymne und doch fällt das Buch leider in Ungnade. Das geringste Übel ist der Tonfall des Erzählers, den ich als furchtbar salopp und oft vulgär empfinde. Das ist eine Stilsache, darüber könnte ich noch hinwegsehen, wobei ich finde, dass das Buch dadurch gehörig an Spannung und Dramatik einbüßt. Schon wesentlich schwerer atmen muss ich bei einer gewissen, einseitigen Betrachtungs- und Darstellungsweise des weiblichen Geschlechts. Es klingt immer wieder durch, zu schwach, um es frauenfeindlich zu nennen, aber für mein Empfinden zu deutlich, um es zu ignorieren. Die weitaus größte Verfehlung jedoch ist die Verwendung des N-Wortes an drei Stellen; alternativ kommt auch in unmittelbarer Nähe „kleine schwarze Schlampe“. Hier gibt es nichts zu diskutieren: Das. geht. nicht. Wie das bei Fischer Tor durch das Lektorat kommen konnte, ist mir schleierhaft und enttäuschend.

Das spannende Setting, die tolle Story und die plastischen Charaktere hätten ein hervorragendes Buch gegeben. Kaputtgemacht wird es durch einen Erzähler im stellenweise vulgären Schnoddertonfall, ein gelegentlich aufblitzendes altbackenes Frauenbild und der Verwendung eines rassistischen Schimpfwortes. In dieser Form sollte es keine zweite Auflage geben.

Was waren eure Urlaubslektüren 2020? Schreibt es mir gern in den Kommentaren 🙂