Tabletop Gaming

Genug Welt für alle: Mega Civilization

1991 erschien von Sid Meier entwickelt und unter MicroProse Software Inc. veröffentlicht ein Computerspiel, welches bis heute als eines der wichtigsten im Globalstrategiespielsektor gilt: Civilization. Ich habe das Spiel damals geliebt und übrigens hier die Grundlagen von Wirtschaftskreisläufen vermittelt bekommen. 😉 Zu Anfangs habe ich immer auf Zufallsweltkarten gespielt, später dann mit großer Vorliebe auf der Erdkarte. Besonders spannend fand ich das Durchlaufen der Epochen, einhergehend mit wachsendem Fortschritt der eigenen Zivilisation, und die unterschiedlichen Siegmöglichkeiten. Sicherlich war ein militärischer Sieg möglich, aber auch wirtschaftlich oder kulturell konnte man das Spiel für sich entscheiden. Die Nachfolger der erfolgreichen Spielreihe kenne ich nicht. Dieses berühmte Spiel auch als Brettspiel umsetzen zu wollen, ist nicht abwägig, aber kann das gelingen?

Die Spieleschachtel – oder eher: DIE BOX

Mega Civilization
Die Spielbox

Die Spieleautoren John Rodriguez und Flo de Haan haben sich fünfzehn Jahre Zeit genommen und an der Umsetzung als Tabletop Game gearbeitet. Herausgekommen ist eine zehn Kilogramm schwere Box mit unzähligen Markern und Karten – schließlich sollen bis zu achtzehn SpielerInnen an dem Spiel teilnehmen können. Erschienen ist das Spiel bei Pegasus Spiele und wurde auf der SPIEL 2015 erstmalig vorgestellt.

Mega Civilization
Spielmaterial für bis zu 18 SpielerInnen

Die Erde ist flach – zumindest für die nächsten 12 Stunden

Bei einer zweistelligen Spielgruppengröße müssen die Regeln eine gewisse Schlichtheit besitzen, sonst wird es schnell unspielbar. Dennoch sollen sie bestimmte Dinge wie Städtebau stimmig und logisch abbilden. Tun sie das? Als erstes muss der Spielplan seinen Platz finden, und das ist nicht mal eben erledigt, denn der ist gute zwei Meter lang.

Neben reichlich Platz müssen die SpielerInnen auch reichlich Zeit mitbringen: Ein Spiel kann gut und gerne bis zu 12 Stunden dauern, und bei meinem Spiel hätte vermutlich auch das noch nicht gereicht. Ihr merkt an „hätte“, dass wir vorher (nach ca. 10 Stunden) das Spiel für beendet erklärt haben. 😉

Mega Civilization
Vom Mittelalter in die Moderne – die Technologiekarten

Wichtiger Bestandteil von Civilization ist der technologische Fortschritt, der in der Brettspielvariante mit Technologiekarten abgebildet wird. Auch die sollten irgendwo griffbereit ausliegen. Anders als beim Computerspiel startet Mega Civilization nicht in der späten Steinzeit, sondern irgendwo im Mittelalter. Würde man einen noch größeren Zeitraum abbilden wollen, wäre wohl jeder Spielgruppenrahmen gesprengt.

Ost und West

Jede Spielrunde besteht aus einer festen Reihenfolge an Spielphasen wie „Tax“ (Steuern kassieren), „Movement“ (Bewegung) und „Trade“ (Handeln). Manche dieser Phasen können parallel abgehandelt werden, was eine große Vereinfachung darstellt. Bei anderen Phasen ist durchaus die Zugreihenfolge relevant, denn man möchte unter Umständen seine Figuren anders bewegen, wenn der bislang geschätzte Nachbar zum Angriff übergeht. Absprachen und Bündnisse, auch ein bekanntes Civilization-Element, kann man ungehemmt und jederzeit treffen – und auch wieder brechen. Beim Ziehen auf dem Brett und der Konfliktabhandlung kommen simple, aber logische Regeln zum Einsatz, um das Spiel nicht zu bremsen. Sie sind leicht verständlich und lassen sich gut umsetzen.

Mega Civilization
Spielertableau mit Markern & Technologieübersicht

Die Welt ist groß und daher in Ost und West eingeteilt, was ungefähr den Tischhälften entspricht und auch ein logistisch Sinn macht. Zumindest am Anfang kommen nur die SpielerInnen an der Grenze in direkten Kontakt, der Rest hat zunächst mit seinen unmittelbaren Nachbarn zu tun. Daher können für Ost und West auch individuelle Zugreihenfolgen abgehandelt werden. Für die allgemeine Zugreihenfolge gibt es einen Punktetrack (hierfür wird die eigene Bevölkerung gezählt), den ich wie auch die Siegpunktfortschrittsanzeige leider vergessen habe, zu fotographieren.

Jetzt wird’s laut: die Handelsphase

Während in den meisten Phasen immer nur einige SpielerInnen miteinander interagieren, ändert sich das in der Handelsphase schlagartig. Jetzt verwandelt sich der Spielraum in einen großen Basar und man ist angehalten, mit Leuten zu sprechen und zu versuchen, benötigte Dinge einzutauschen – der Geräuschpegel steigt sprunghaft an. 🙂 Die eigenen Städte brachten in der Ertragsphase Rohstoffe ein und die will man im Wert steigern. Je mehr gleiche Karten, also gleiches Material wie beispielsweise Livestock, man hat, desto höher ist der Warenwert. Hier können sich natürlich Kettengeschäfte ergeben, d.h. man besorgt etwas für jemanden, um dann das eigentlich gewünschte Material zu ertauschen.

Mega Civilization
Drei Livestock Karten haben einen Wert von 45 Geldeinheiten.

Für die Handelsphase ist es sehr empfehlenswert, ein selbst gewähltes Zeitlimit vorzugeben. Wir hatten für 16 SpielerInnen 10 Minuten angesetzt, was ich als genau richtig empfunden habe. Mit dem Wert der ertauschten Rohstoffe können dann Technologien gekauft werden. Erworbene Technologien bringen neben der zentralen Neuerung einen Bonus auf den Kauf diverse weiterführende Fortschritte.

Mega Civilization
Cloth Making kostet 50 Geldeinheiten, Pottery schon 60

Und hier endet der Detailgrad, sicherlich mit voller Absicht. Wo sonst Städte noch wachsen, ausgebaut, gehegt und gepflegt werden können, bleibt man hier an der Oberfläche. Ein derartiges Micromanagement brächte zwar inhaltlich mehr Tiefe, würde aber die Spieldauer weiter in die Höhe treiben und noch mehr Material erfordern. Hat man beim Tauschen der Karten Pech gehabt, oder selber zu wenig im Angebot, bleibt der Kauf von Fortschrittskarten aus. Das ist etwas ernüchternd, denn wenn es schon kaum Aspekte für Individualisierung der eigenen Zivilisation gibt, hätte ich an dieser Stelle eine etwas breitere Gestaltung der Handlungsmöglichkeiten gut gefunden; z. B. weniger relevante, aber dafür günstige und somit eher erschwingliche Upgrades für das eigene Volk. Die Handlungsmöglichkeiten wiederholen sich daher oft, ich hätte mir inhaltlich wenigstens ein paar mehr Aktionsmöglichkeiten hinsichtlich der eigenen Zivilisation gewünscht, denn ein Kernelement des Computerspiels war auch der Auf- und Ausbau des eigenen Reiches.

Oh weh mir – Katastrophen

Unter den Handelskarten befinden sich auch immer wieder diverse Katastrophen, unterteilt in Minor Calamities und Major Calamities. Dies können Hungersnöte, Aufstände oder Erdbeben sein. Das Perfide daran: Diese Karten dürfen in der Handelsphase mit getauscht werden. Gehandelt werden müssen immer mindestens drei Karten, aber nur zwei sind wahrheitsgemäß anzugeben. Die dritte Karte kann also etwas echt Blödes sein … Nach der Handelsphase müssen die Calamities der Reihe nach abgehandelt werden und das ist leider etwas langwierig. Bisweilen dauert es, bis sich der betroffene Spieler / die betroffene Spielerin hinsichtlich der Auswirkung entschieden hat, und währenddessen kann das Spiel nicht weitergehen. Aber ohne Calamities würde sich auf dem Brett wohl zu wenig bewegen, also dürfen sie nicht fehlen. Eine elegantere, vor allem zeitsparendere Lösung wäre schön gewesen.

Fazit

Mega Civilization ist die Brettspielumsetzung des erfolgreichen Computerspiels, ist für 5 bis 18 Personen konzipiert und dauert bis zu 12 Stunden oder auch mehr. Platz und zeitliche Ausdauer müssen vorhanden sein, um das Spiel zu einem schönen Erlebnis zu machen. Das Spielmaterial ist schlicht, aber vollkommen ausreichend für den Zweck. Die Regeln besitzen geringe Komplexität und schaffen es, den Spielverlauf überwiegend schnell und flüssig zu halten. Einzig das Abhandeln der Calamities ist ein Zeitfresser. Die Technologien können mit dem Wert von Handelskarten, ertauscht und/oder als Stadtertrag, gekauft werden. Wer wenig Einkommen hat, muss wohl oder übel auf eine gute nächste Runde hoffen, was den Spielspaß etwas dämpft. Auch kommt das Auf- und Ausbaufeeling leider zu wenig auf. Alles in Allem ist Mega Civilization jedoch durchaus als gelungen zu betrachten. Der Umfang des Spiels macht es nicht gerade zu einem Gelegenheitsspiel, ist dann aber dafür ein echtes Event.

Das Spiel scheint derzeit ausverkauft zu sein und ist nur zu einem horrenden Preis bei Amazon (*) verfügbar. Es gibt auch Kartensleeves (*) zu dem Spiel, allerdings wird man mit 100 Stück pro Packung bei 1500 Karten insgesamt nicht weit kommen …

Nice to know

Sid Meier hat die Firma MicroPose Software Inc. 1982 mitgegründet. Deren größten Erfolge waren die Veröffentlichungen von Railroad Tycoon und Civilization. In den folgenden Jahren wurde die Firma mehrfach aufgekauft und mit anderen Gesellschaften zusammengeführt. 2003 wurde das ursprüngliche und zugleich letzte bestehende Entwicklungsstudio von MircoPose geschlossen. Sid Meier hatte die Firma bereits 1996 verlassen. (Quelle)

 

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