Allgemein

Zwischenbericht: The Sinking City

Wir befinden uns in den 1920er Jahren und eine mysteriöse Flutwelle hat die fiktive Stadt Oakmont getroffen – zusammen mit landesweiten Horrorvisionen, die einzelne Personen heimsuchen. Zu den geplagten gehört auch Charles W. Reed, die Hauptfigur in The Sinking City, die sich auf den Weg macht, die Geschehnisse aufzuklären. Wie schon in Call of Cthulhu versucht sich The Sinking City daran, cthulhoiden Horror spiel- und erlebbar zu machen. Ist es Frogwares Game Development gelungen, oder versinkt der Spielspaß gleich mit?

The Sinking City PS4

Anmerkung: Da ich es vor meiner Sommerpause nicht schaffen werde, The Sinking City durchzuspielen, möchte ich trotzdem jetzt schon halbwegs zeitnah zum Releasedate 28.06.19 ein erstes Zwischenfazit abgeben. Später werde ich diesen Beitrag vervollständigen bzw. ergänzen.

-> 30.09.19: Ein Update ist jetzt ganz unten zu lesen

Der Start

Die Website zu The Sinking City kann sich sehen lassen: moderner Aufbau, atmosphärische Gestaltung und inhaltlich nicht überladen, sondern auf den Punkt macht Lust auf das Spiel. Auch der Trailer überzeugt – aber kann es das Spiel dann auch? Nachdem mich Call of Cthulhu sehr begeistert hat (hier ist mein Bereicht zu lesen), komme ich nicht darum herum, die Spiele zu vergleichen.

The Sinking City PS4

Der Startbildschirm verkörpert die zu erwartende düstere Stimmung und zeigt die Spielfigur Charles Reed in den Straßen von Oakmont. Vor einem neuen Spiel kann man sich mit diversen Funktionen im Spiel vertraut machen, die nicht kompliziert und leicht verständlich sind. Dieser Tutorial-Bereich ist auch jederzeit im Spiel wieder aufrufbar. Gleiches gilt für den Schwierigkeitsgrad, der erfreulicherweise zweigleisig einstellbar ist: die Detektivarbeit kann von leicht bis schwer gewählt werden, unabhängig davon ist der Kampf ebenfalls von leicht bis schwer skalierbar. Grundsätzlich ist diese Trennung eine ausgezeichnete Idee, allerdings hat das Thema Kampf leider eine ganz eigene Problematik. Doch dazu später mehr.

Nach dem Start eines neuen Spiels wird man in die Story hineinkatapultiert, trotz aller Bemühungen etwas zu forsch, wie ich es empfunden habe. Bei Call of Cthulhu wurde vor Aufbruch der Storyhook besser vermittelt und platziert, hier wird man mit nur wenig Background im einleitenden Storytelling in Oakmont an Land (alleine) gelassen. Es war grenzwertig, aber noch ok, denn schließlich soll die Stadt der Hauptschauplatz sein.

Eisiger Empfang – der erste Fall

Dafür kann der erste Fall, den man noch am Hafen in Oakmont übernimmt, mit Atmosphäre punkten. Hier bekommt man Gelegenheit, sich sowohl in die Spielmechanik, als auch in das desolate Stadtbild von Oakmont einzufinden. Zudem werden spätestens jetzt deutliche Unterschiede zu Call of Cthulhu deutlich. Dennoch haben diese ersten Schritte Begeisterung und Neugier ausgelöst auf das Folgende ausgelöst. Ist der erste Fall abgeschlossen, sonderlich kompliziert ist er nicht und eher als erweitertes Tutorial zu verstehen, wird man nun endgültig auf Oakmont losgelassen.

Oakmont: Die versinkende Stadt

Im Gegensatz zu Call of Cthulhu kann man sich ganz im Open-World-Stil frei in der Stadt Oakmont bewegen und umsehen. Das muss man auch, da nur dann Orte entdeckt werden oder Schnellreisepunkte in Form von Telefonzellen freigeschaltet werden. Call of Cthulhu verfolgt klares Railroading in der Erzählweise, The Sinking City bietet Bewegungs- und Entscheidungsfreiraum. Die Stadt Oakmont ist durch die unerklärliche Flut stark mitgenommen, war aber scheinbar auch Vorher nicht unbedingt ein Schmuckstück. Sehr oft stößt man auf überflutete Straßenbereiche, die nur mit einem passenderweise immer bereitstehenden Boot zu durchqueren sind.

Oakmont The Sinking City

Was die ersten Male noch interessante Abwechslung ist, wird schnell lästig: Die Bootsfahrten bremsen und nerven recht bald, da sie manchmal lächerlich kurz sind. Hier wäre bzgl. der Häufigkeit weniger mehr gewesen und man hätte sich auf ein oder zwei Stadtviertel als deren Besonderheit beschränken können. Insgesamt wirkt Oakmont abschnittsweise wie eine Geisterstadt: Menschenleere Straßen, unbelebte Häuser, quer stehende Autos wie nach einer Apokalypse. Dann aber so etwas wie Normalität, wie Marionetten umherlaufende Bewohner, oft stumm und ohne echte Handlung bzw. Funktion. Sie wirken nicht integriert in die Stadt, sondern notdürftig platziert, „damit es nicht so leer aussieht“. Es sieht so aus, als konnte man sich nicht recht zwischen „verlassen“ und „bewohnt“ entscheiden. Klar, eine lebendige Stadt darzustellen, ist richtig viel Programmierarbeit, aber wer einmal durch Novigraad (The Witcher III: Wild Hunt) marschiert ist, weiß, wie unfassbar gut das sein kann.

Mit etlichen Personen kann und muss man sich unterhalten, um weiterzukommen. In Call of Cthulhu war die Dialogführung nicht nur formschöner gestaltet, sondern bot noch verschiedene Vorgehensweisen (bedrohend, einfühlsam, raffiniert). Manche Fragen waren sogar erst ab einem bestimmen Fertigkeitsniveau freigeschaltet. Bei The Sinking City kann man seine Fragen bzw. Antworten nur sachlich neutral tabellarisch auswählen. Flair entwickelt sich dadurch keines. Das Voiceacting ist in der deutschen Sprache in Ordnung bis überwiegend gut. In manchen Situationen fand ich jedoch deutlich zu wenig passende Emotion in den Stimmen. (Anmerkung: Unglaublich gut ist z. B. in Wolfenstein: The New Order die deutsche Synchronstimme von der Hauptfigur B.J. Blazkowicz, gesprochen von Johannes Berenz: mehr Emotion geht nicht.)

Letztendlich kann man sich entscheiden, ob man den Hauptfall weiterverfolgen, oder sich einem der zahlreichen Nebenfälle widmen möchte.

Von Fall zu Fall

Der Hauptfall treibt wie zu erwarten ist die Hauptstory voran, um der vorherrschenden Misere auf den Grund zu gehen. Hinsichtlich den dafür notwendigen Ermittlungen kann The Sinking City mit tollen Spielmechaniken punkten. Zum Einen gibt es die „Gedankenspiele“, in denen der Spieler / die Spielerin gesammelte Fakten richtig verknüpfen muss, um die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, die wiederum den weiteren Weg eröffnen. Zum Anderen muss gelegentlich vorher in einem Archiv (bei der Polizei oder im Krankenhaus) gestöbert werden. Auch hier bekommt man den nächsten Schritt nicht einfach per Klick präsentiert, sondern muss anhand der vorliegenden Informationen Suchkriterien festlegen, die, wenn sie richtig gewählt wurden, neue, weiterführenden Erkenntnisse eröffnen.

Dieser Umgang mit den gefundenen Hinweisen und der weiteren Bearbeitung eben jener ist wirklich sehr gelungen, passt atmosphärisch perfekt und macht Spaß. Ein großer Pluspunkt für The Sinking City.

Ohne zahlreiche Nebenfälle würde der Open World-Stil keinen Sinn machen. Hier gibt es verschiedene Arten bzw. Gruppierungen; ich habe mir zunächst nur die „Briefe aus Oakmont“ näher angesehen. Erste kleine Challenge ist den genauen Ort zu lokalisieren, der trotz straßengenauer Beschreibung immer noch ein wenig Sucharbeit erfordert. Momentan habe ich allerdings nur wenige Nebenfälle bearbeitet, und das hat einen gravierenden Grund: das völlig verkorkste Kampfsystem.

Auf in den Tod: das Kampfsystem

Während Call of Cthulhu weitestgehend auseinandersetzungsfrei bleibt, muss in The Sinking City durchaus die Pistole oder der (Nahkampf-)Spaten gezückt werden. Und das nicht zu selten: Oakmont hat zahlreiche „Befallene Gebiete“, in denen Monster ihr Unwesen treiben. In solchen Gebieten muss zwingend gekämpft werden, dafür gibt es auch reichlich Beute zu machen. Ähnliches gilt für die Nebenfälle, die zumindest bisher immer gleich ablaufen: Haus finden, betreten, gegen die Monster kämpfen, auflösenden Hinweis mitnehmen. Die Gleichförmigkeit der Nebenfälle ist schon eine erste Enttäuschung, aber viel schwerer wirkt die Hilflosigkeit im Kampf.

Die Spielfigur kann Nah- und Fernkampfangriffe ausführen, und erst dachte ich, es liegt an meinem Skillmangel bzgl. Zielfähigkeit, aber das ist nicht das Problem. Die gesamte Steuerung ist furchtbar behäbig, man kann weder zur Seite springen, noch abwehren, sondern nur wie ein aufgescheuchtes Huhn umherlaufen oder einen ungelenken Seitschritt als Ausweichbewegung machen. Das ist nicht nur ausgesprochen frustrierend, sondern auch zum Background der Spielfigur völlig unpassend: Charles Reed war angeblich bei der Navy – davon ist nichts zu merken … Hinzu kommt, dass entweder Reed ein völliger Schwächling ist, oder die Monster Bärenkräfte haben, denn nach nur wenigen Treffern sind die Lebenspunkte auf Null. Als wäre das nicht schon unschön genug, darf man nun unangenehm lange auf den Ladebildschirm starren, bis es wieder weitergehen kann. Eine Reduzierung des Kampf-Schwierigkeitsgrads auf „leicht“ bringt so gut wie nichts.

Nachdem das Thema Kampf in The Sinking City derart prominent als aktiver Spielinhalt angeboten wird, wiegt die komplett mangelhafte Umsetzung der Spielmechanik diesbezüglich ausgesprochen schwer. Mir ist die Lust am Kämpfen in kürzester Zeit vollständig vergangen; große Lust mich mit diesem Teil des Spieles zu befassen, habe ich momentan nicht.

Looten & leveln

Ein weiterer Unterschied zwischen Call of Cthulhu und The Sinking City ist das Thema Ausrüstung. Hier darf man durchaus die Augen offenhalten, um diverse Materialien wie Stoffe, Schießpulver oder Hülsen zu finden, aus denen dann Patronen, Verbände oder Granaten gebaut werden können (erinnert ein wenig an The Last of Us). Für gelöste Fälle (und besiegte Monster) gibt es Erfahrungspunkte und Reed kann beim Stufenaufstieg mit Wissenspunkten hinsichtlich seiner Fähigkeiten verbessert werden. Die zahlreichen Nebenfälle wie auch von Monstern befallenen Gebiete würden da durchaus zum looten & leveln einladen, wenn da nicht dieses be%&#“!+enes Kampfsystem wäre …

Ein vorläufiges Fazit

In The Sinking City steuert man den Privatdetektiv Charles W. Reed in Open World-Manier durch die fiktive Stadt Oakmont. Oakmont wird von einer unerklärlichen Flut heimgesucht, die sowohl Monster, als auch schaurige Visionen an Land gebracht hat. Die Gestaltung der Stadt wirkt unentschlossen zwischen verlassen und bewohnt. Es ist nicht gelungen, Tiefe und Dynamik zu erzeugen. Sie bleibt eine optisch schöne Kulisse. Die viel zu häufig auftretenden überfluteten Straßen, die eine Bootsfahrt erzwingen, bremsen den Spielfluss.

Der Umgang mit gefundenen Hinweisen, die in „Gedankenspiele“ richtig kombiniert werden müssen, ist ebenso großartig, wie die Nachforschungsmechanik in den Archiven der Stadt. Die Dialogführung ist lediglich funktional gestaltet und verschenkt Potential. Während die Hauptstory im Hauptfall verfolgt werden kann, gibt es zahlreiche Nebenfälle mit unterschiedlichen Storyinhalten. Wie auch in den „Befallenen Gebieten“ der Stadt muss bei den Nebenfällen oft gekämpft werden, wo die zur Verfügung stehende Spielmechanik komplett versagt und frustriert. Da Kämpfe durchaus ein relevanter Spielinhalt in The Sinking City darstellt, ist dieser Minuspunkt schon fast ein k.o.-Kriterium für das sonst atmosphärisch recht gut gelungene Spiel.

Persönliche Meinung

Ich habe mich sehr auf das Spiel gefreut, und bin aus den genannten Gründen leider deutlich enttäuscht. Die Hauptstory kann mich bisher längst nicht so fesseln und abholen, wie in Call of Cthulhu, und da das Kampfsystem überhaupt nicht funktioniert, findet an dieser Stelle auch kein Ausgleich statt. Ich werde sicherlich noch weiterspielen, aber längst nicht mit der Begeisterung und in dem Tempo, wie Call of Cthulhu. Wenn ich durch bin (oder frustiert aufgebe), werde ich diesen Beitrag abschließend noch ergänzen.

Eine Kaufempfehlung kann ich nur bei einem deutlich günstigen Preis aussprechen und sehe im Vergleich Call of Cthulhu derzeit klar vorne.

Update 30.09.19

Wie ich schon unterschwellig befürchtet hatte, gab es zu viele ko-Kriterien bei dem Spiel, die mich letztendlich rausgeworfen haben. Schon von Anfang an habe ich mich nicht in die Story hineingezogen gefühlt, aber dieser Punkt wäre noch zu verschmerzen gewesen, wenn der „Open-City-Aspekt“ wirklich tadellos daherkommen würde. Stattdessen ist das Rumlaufen bisweilen eher lästig und bei den zahlreichen Nebenquests und befallenen Gebiete kommt deutlich das Kampfsystem zum Einsatz, was in meine Augen völlig verhunzt worden ist und absolut keinen Spaß macht. Nach einer längeren Unterbrechung habe ich gemerkt, dass ich so wirklich gar keine Lust mehr habe, weiterzuspielen, was kein gutes Zeichen ist. Weder die Hauptstory, noch die Location haben für mich genug Sogwirkung, kostbare Freizeitstunden zu investieren. Daher habe ich mich von dem Spiel getrennt, solange es gebraucht noch den ein oder anderen Euro einbringt. Wenn man The Sinking City mal irgendwo „gut & günstig“ mitnehmen kann, soll es recht sein, aber keinesfalls ist der volle Preis gerechtfertigt.

 

Hat dir der Bericht gefallen? Dann freue ich mich über eine kleine Unterstützung! 😀

Buy Me a Coffee at ko-fi.com

Tabletop Gaming

Die App spielt mit: Villen des Wahnsinns 2. Edition

Welche schrecklichen Geheimnisse verbergen sich in so manchen Gemäuern? Wird es gelingen, das Rätsel zu lösen, ehe die Realität kollabiert und der Wahnsinn um sich greift? Wie bereits in der ersten Edition führt die 2. Edition von Villen des Wahnsinns (Asmodee) 1-5 SpielerInnen (empfohlenes Alter 13+) auf die Spuren von bestem cthulhuoidem Horror. Wohl größter Unterschied zur ersten Edition, bei der noch jemand aus der Spielrunde gewissermaßen die Rolle des Bösen übernehmen musste, ist die unabdingbare Companion-App. Kein nützliches Tool für das Darum-Herum, sondern ohne sie kann das Spiel nicht funktionieren: Die App steuert das Spiel und übernimmt die Rolle des Game Masters, wie man es aus Pen & Paper-Rollenspielen kennt. Ist das eine echte Bereicherung, oder treibt der virtuelle GM die SpielerInnen bereits mit diversen Mängeln in den Wahnsinn?

Habe alles griffbereit: der Spielaufbau

Um Villen des Wahnsinns 2. Edition zu spielen, ist kein langwieriger Spielaufbau notwendig. Empfehlenswert ist es, die Gelände- bzw. Gebäudeteile soriert bereit zu legen, ebenso die Marker, Würfel und Karten. Dann suchen sich die SpielerInnen einen Ermittler oder eine Ermittlerin als Spielfigur aus. Hier wird übrigens konsequent die Stimmigkeit der Cthulhu-Spiele (Eldritch Horror, Arkham Horror The Card Game, etc.) fortgesetzt und wer sich bereits auskennt, wird an dieser Stelle auf alte Bekannte treffen. Auch Grundfunktionalität (Geistige/Körperliche Gesundheit, Fertigkeitsproben, etc.) deckt sich, was den Einstieg für KennerInnen erleichtert. Aber auch ohne Vorkenntnisse sind die Regeln nicht komplex, sondern einfach zu befolgen.

Affiliate Link

Nach diesen noch völlig analogen Schritten wird ab nun die App die Regie übernehmen. Je nach verfügbarem physischem Material (es gibt mittlerweile diverse Erweiterungen) sind unterschiedliche Szenarien spielbar. Die Spielrunde einigt sich anhand der einleitenden Worte für eines, gibt an, welche ErmittlerInnen sich dem Wahnsinn stellen möchten und schon geht es los. Ein Spielplan wird noch nicht aufgebaut.

Das Spielmaterial ist gelungen und schön gestaltet. Insbesondere die Spielplanteile sind detailreich in der Abbildung. Die Miniaturen der Ermittler und Monster kommen zwar nicht an ein Tabletop Wargame heran, sind aber dennoch sehr ansehnlich. Die Bilder auf den Karten sind gut, aber von der Qualität her nicht ganz auf dem Level wie bei anderen Cthulhuspielen. Unschlagbar an dieser Stelle ist Arkham Horror The Card Game, wobei hier der Anspruch als reines Kartenspiel natürlich ein ganz anderer ist.

Schritt für Schritt hinein in die Story

Villen des Wahnsinns 2. Edition ist betont storylastig. Startet man das gewählte Szenario, gibt es einen ausführlichen Einführungstext, der die Lage schildert. Jetzt wird auch das erste Gelände/Gebäudeteil angezeigt und welche interessanten Gegenstände, Orte oder Personen es darauf gibt. Diese sind in der App mit Markern gekennzeichnet, die man auch zur besseren Visualisierung auf das Spielplanteil legen sollte. Die Ermittlergruppe entscheidet nun über ihre Zugreihenfolge und Aktionen. Das Spiel ist voll kooperativ, aber an einem bestimmten Punkt kann sich das ändern …

Möchte man sich einen Gegenstand näher ansehen, oder eine Türe öffnen, bewegt man seine physische Spielfigur entsprechend auf dem Brett und klickt dann auf die Stelle auf dem Screen. Der App-GM wird nun schildern was passiert und/oder zu sehen ist. Weitere Räume tun sich auf, oder der untersuchte Gegenstand verlangt eine Fertigkeitsprobe. Gilt es beispielsweise ein Schloss zu knacken, wird dies durch das Lösen verschiedener Kniffel/Rätselaufgaben abgebildet. Klötze verschieben oder richtige Farbkombinationen herauszufinden, könnte hier gefragt sein. An dieser Stelle ist fair play angesagt, denn die Regeln besagen zwar, dass die Anzahl an Lösungsversuchen der entsprechenden Fertigkeit entspricht, dies wird aber nicht durch die App kontrolliert. Es entfällt also die Vorgabe, wer genau was unternimmt, was die Bedienung langwieriger und spielflussbremsender gemacht hätte.

Villen des Wahnsinns The Nerd Inn

Der Anteil an Sprachausgabe ist sehr gering, also gibt es reichlich Text vorzulesen. Wen das jemand übernimmt, der so etwas gerne tut und gut kann, ist das für das Gesamtambiente ausgesprochen förderlich. Der App-GM hat auch ein gewisses Repertoire an Sound- und Musikeffekten, nur wenn sich diese aus dem oftmals eher bescheidenen Lautsprecher des Tablets zwängen müssen, verpufft deren Wirkung. Hier empfiehlt es sich, beispielsweise eine Bluetoothbox zur Unterstützung heranzuziehen.

Die App ist nicht zeitgesteuert, springt also nicht automatisch weiter, was Spielstress bedeuten würde, dennoch wird man auch rein inhaltlich schnell merken, wie sich die Lage zuspitzt und man kann sich ausrechnen, dass keine unbegrenzte Anzahl an Spielzügen zur Verfügung steht. Wessen Lebenspunkte erstmalig auf Null sinken, bekommt eine einschränkende Verletzung, beim zweiten Mal ist der Ermittler / die Ermittlerin tot. Ist die geistige Gesundheit völlig dahin, bekommt der Spieler / die Spielerin eine Wahnsinn-Karte, auf deren Rückseite eine Handlungsanweisung steht – und die kann sich in manchen Fällen massiv gegen das Vorhaben der Gruppe richten … Auch hier scheidet die Spielfigur beim zweiten Mal Horrorschaden in Höhe der geistigen Gesundheit aus dem Spiel aus.

Es droht also Player Elimination, was bei einem doch eher länger dauernden Spiel unschön ist. Eldritch Horror löst diesen Umstand geschickter, in dem mit einer neuen Spielfigur wieder eingestiegen werden kann. Auch die Regelung mit dem „Wahnsinn“ der Figur hat sich, so wurde mir gesagt, als nicht glücklich gelöst herausgestellt. Hier hätte sich beispielsweise auch eine Steuerung über die App angeboten, die der Spielfigur diverse Handlungsanweisungen gibt, oder eher, um sich als SpielerIn nicht zu ferngesteuert zu fühlen, Verlockungen für negative Handlungen anbietet … Inhaltlich haben die Szenarien natürlich völlig verschiedene Settings, die dem einen besser, dem anderen schlechter gefallen werden. Großer Pluspunkt: Die Szenarien haben inhaltlich teils erhebliche Variationsmöglichkeiten hinsichtlich des Lösungsweges, deshalb ist ein Mehrfachspielen gut möglich. Das ist angesichts des Preises von 85 € für das Grundspiel (die Erweiterungen bewegen sich zwischen 32 – 55 €) auch notwendig.

Fazit

Kernelement von Villen des Wahnsinns 2. Edition ist die Companion-App, welche die Spielinhalte steuert und darlegt. Ohne sie kann das Spiel nicht gespielt werden. Die App macht einen sehr hochwertigen Eindruck, besitzt eine gute Grafik und Bedienfreundlichkeit. Es gelingt, sowohl Story, als auch Ambiente zu vermitteln. Das pysische Spielmaterial ist wertig und die Miniaturen der Ermittlerfiguren wie auch die Monster machen optisch einen guten Eindruck. Einzig die Bilder bei den Karten sind in anderen Spielen womöglich etwas besser. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der App, daher fällt dieser Umstand nicht sonderlich negativ auf.

Letztendlich kann es zur Player Elimination kommen, was zwar nicht unmittelbar droht, aber durchaus möglich ist. Bei einem länger dauernden Spiel (je nach gewähltem Szenario) ist dies ein eher unschöner Aspekt. Ebenso ist die Regelung von wahsinnig gewordenen Ermittlern zwar in Ordnung, könnte aber noch besser sein. Die Szenarien haben Variationsmöglichkeiten, um eine Wiederspielbarkeit zu ermöglichen. Mit dem Kauf von Erweiterungen können mehr Szenarien in der App gestartet werden. Dort gibt es auch kostenpflichtige DLC, die aus bereits vorhandenem Material weitere Szenarien bauen.

Insgesamt hat mich das gute Funktionieren der Regie-App sehr überrascht. Es hat hinsichtlich des Spielaufbaus erheblich Zeit gespart und ermöglicht allen an der Story teilzuhaben: Was steckt hinter der Sache? Welcher Raum kommt als nächstes? So lange man die Tür nicht geöffnet hat, weiß es niemand.

Affiliate Link

Allgemein

Cosmic Horror: Call of Cthulhu

Als H. P. Lovecraft seine ersten Kurzgeschichten ab 1905 veröffentlicht hat, war ihm sicherlich nicht bewusst, dass er einer der bedeutensten Horrorautoren werden würde. Seine Vorstellung von Horror und dessen Wesensart leben bis heute weiter: der Cthulhu-Mythos. Zu Lebzeiten blieb Lovecraft weitestgehend unbedeutend und sein Erfolg bescheiden, was bedeutete, dass er immer mehr verarmte. Lukrativere Schreibarbeiten wie beliebte Groschenromane lehnte er mit Überzeugung ab und blieb bei seinen Visionen und Ideen. Für Horrorfans ein Segen, denn gerade seine letzten Jahre waren die produktivsten: „At the Mountains of Madness“ oder „The Whisperer in the Dark“ sind in dieser Zeit entstanden. Letzt genannte ist übrigens eine meiner absoluten Lieblingsgeschichten von ihm.

Die Inspiration, die Lovecraft mit seinen Werken gestreut hat, ist enorm, und sein Cthulhu-Mythos (Lovecraft selber hat diesen Begriff übrigens nie verwendet) wird in unzähligen Spielen thematisiert und verarbeitet. Im Brettspielbereich sind Eldritch Horror und Arkham Horror (jetzt in einer Neuauflage erhältlich) sehr gute Beispiele, als Kartenspiel Arkham Horror Living Card Game (über das ich ebenfalls schon mehrfach hier spoilerfrei berichtet habe (Die Nacht des Zeloten, Das Vermächtnis von Dunwich, Der Pfad nach Carcosa – noch im alten Blog zu finden). Mit Call of Cthulhu (*) und Fthagn gibt es sehr gute Pen&Paper-Rollenspielsysteme.

 

Es ist jedoch zu bedenken und vor allem nicht zu vergessen, dass Lovecraft rassistische, frauenfeindliche und anti-semitische Züge hatte. Seine Werke sind folglich stellenweise sehr kritisch zu betrachten und zu behandeln; siehe hierzu z. B. der Artikel „Der Fall H.P. Lovecraft“ auf Tor-Online von Lars Schmeink.

 

Call of Cthulhu (übersetzt: Der Ruf des Cthulhu) ist der Titel einer Geschichte Lovecrafts aus dem Jahr 1926, damals erschienen im Magazin Weird Tales. Nachdem der Begriff Cthulhu-Mythos gebräuchlich geworden ist, wird offenbar gerne dieser Kurzgeschichtentitel für Spiele verwendet, um gleich die anvisierte Thematik darzulegen.

 

Call of Cthulhu PS4
Startbildschirm (eigene Aufnahme)

Wahnsinn betreten

Wahnsinn betreten – mit diesen Worten wird man aufgefordert, das passenderweise zu Halloween erschiene Videospiel Call of Cthulhu zu starten. Und schnell wird einem klar, dass „Wahnsinn betreten“ wörtlich zu nehmen ist … In Call of Cthulhu übernimmt man im Jahr 1924 die Rolle des Privatdetektivs Edward Pierce, einem leicht abgestürzten Veteranen des 1. Weltkrieges. Man wird beauftragt, den tragischen Tod der Familie Hawkins auf der entlegenen Insel Dark Water Island, weit vor der Küste Bostons, aufzuklären. In was Pierce da hineinschlittert, ist erschütternd, verstörend, und mündet in kosmischen Horror. Auf der schön gestalteten Website zum Spiel gibt es noch mehr Informationen.

 

Über den Inhalt möchte ich bewusst nichts sagen, denn das würde das persönliche Erlebnis deutlich schmälern. Call of Cthulhu ist ein Third-Person-Game und wechselt nur in einigen Cutscenes in die Filmansicht. Die Immersion ist damit hoch und es gelingt, sich mit Edward Pierce zu identifizieren. Entsprechend hineingezogen wird man in den Wahnsinn, der ihm widerfährt. Call of Cthulhu schafft es gleich zu Beginn, unheimlich gut Atmosphäre aufzubauen und kann diese bis zum Schluss halten. Dass das Spiel die heutzutage graphischen Möglichkeiten nicht voll ausschöpft ist zwar zu merken, stört aber nicht im Geringsten. Zu spannend sind die Erkenntnisse, die Pierce mit seinen Ermittlungen gewinnt. Toll gemacht ist, wie er Geschehnisse rekonstruiert und sich nach und nach ein Bild ergibt – welches mit Wonne wieder Unschärfen bekommt, gar zerbröckelt und wie Sand zwischen den Fingern hindurchrieselt.

 

Wieder bin ich an einem Punkt gelangt, an dem es mir sehr schwer fällt, weiter zu erzählen. Ich sollte inzwischen abgehärtet sein, doch es gibt Erlebnisse, die zu tiefe Wunden verursachen, um je eine Heilung zu gestatten. – aus „Berge des Wahnsinns“, H. P. Lovecraft

Großartig ist die Darstellung, wie der Wahnsinn an Pierce‘ Verstand nagt und sowohl er, als auch der Spieler / die Spielerin, stellenweise nicht mehr unterscheiden kann, was real ist und was nicht. Es handelt sich vorwiegend um unterschwelligen Horror, wobei es einige wenige Jump Scares gibt, die vielleicht auch wegen ihres spärlichen Einsatzes gute Wirkung erzeugen. Hinzu kommen ausgezeichnete musikalische Untermalung und Soundeffekte, sowie erstklassiges Voice Acting (in Englisch mit deutschem Untertitel).

Immer wieder trifft man auf Stellen, bei denen es nach der getroffenen Entscheidung heißt „Das wird dein Schicksal verändern“, was bedeutet, dass der Spielverlauf nicht bei jedem Durchgang gleich verlaufen wird. Gleiches gilt auch für das Finale, in dem Pierce eine schwere Entscheidung treffen muss. Ein erneutes Spielen nach angemessener Pause (um manche Rätsel und Geschehnisse nicht zu präsent zu haben) ist also auf jeden Fall möglich. Sicherlich gibt es auch noch abseits des Weges etwas zu entdecken, was man beim ersten Durchgang von Spannung, Grusel und Beklemmung gepackt übersehen hat.

 

Eine Sekunde lang verspürte ich absolute Verzweiflung, da ich in einer Kammer ohne Fenster in der Falle zu sitzen schien. Eine Welle unvorstellbaren Entsetzens brach über mich herein und verlieh den im Licht der Taschenlampe sichtbaren Staubspuren des Eindringlings, der zuvor versucht hatte, in mein Zimmer zu gelangen, eine schreckliche, aber unerklärliche Besonderheit. – aus „Der Schatten über Innsmouth“, H. P. Lovecraft

Insgesamt ging das Spiel länger, als ich dachte, findet aber den richtigen Punkt, um nicht in die Länge gezogen zu wirken. Einen Schwierigkeitsgrad kann man generell nicht einstellen, wobei ich ihn als angemessen empfand. Nur stellenweise gibt es kleine Dämpfer im Spielfluss, wenn man die Lösung an manchen Stellen nicht findet und sich lange an derselben Stelle aufhalten muss. Das bremst den Spielfluss und die Zugkraft der Story; hier hätte ich mir z. B. nach einer bestimmten Zeit eine Hilfeoption gewünscht, um nicht festzusitzen (Ungeduldige lesen ohnehin dann im Internet nach, also könnte man das auch in Spiel integrieren; wer tüfteln will, kann das ja weiterhin tun). Aber das ist nur bei zwei oder drei Stellen aufgetreten und wenn man es dann doch ohne Hilfe geschafft hat, ist das Erfolgserlebnis um so schöner. Action darf man generell nicht erwarten, dafür besten cthulhuoiden Cosmic Horror.

 

Fazit

Mit Call of Cthulhu ist es hervorragend gelungen, den Cosmic Horror von H.P. Lovecraft in ein Video Game zu transferieren  Die Immersion ist Dank packender Story, großartigem Voice Acting und Abbildung geistigen Verfalls sehr hoch. Wiederspielwert ist durch zahlreiche, spielverändernde Entscheidungen gegeben. Es bietet großartige Spielstunden und bei dem moderaten Preis (ca. 50 € neu) kann man insbesondere als Cthulhu-Mythos-Fan bedenkenlos zugreifen.

 

(Affiliate-Link)

Das Spiel betreffend:

(c) 2018 Chaosium Inc. Call of Cthulhu is a video game published by Focus Home Interactive and developed by Cyanide SA. „Call of Cthulhu“ is a trademark of Chaosium, Inc. All trademarks or registered trademarks belong to their respective owners. All rights reserved