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Zeit spenden

Die Phantastik und insbesondere Pen & Paper-Rollenspiele bieten eine großartige Möglichkeit, dem Alltag und der Welt für ein paar Stunden zu entfliehen. Man taucht ein in fremde Welten und lässt die echte hinter sich – völlig aus dem Leben ausblenden können und sollten wir Rollenspieler*innen sie jedoch sicherlich nicht. Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine zwingt unzählige Menschen zur Flucht. Auch in Deutschland kommen immer mehr Geflüchtete an. Neben Geld finde ich Zeit spenden auch eine wichtige Option und ich habe mich daher für eine Schicht zum Freiwilligendienst in einer der Behelfsunterkünfte gemeldet. Wie es mir dabei ergangen ist, erfahrt ihr in diesem Blogpost.

Nachdenklich sitze ich in der Bahn und fahre nach Hause. Viereinhalb Stunden Freiwilligendienst liegen hinter mir. Es war meine erste Tätigkeit dieser Art und ich muss die Eindrücke verarbeiten. Menschen zu helfen ist eine bereichernde Erfahrung, gleichwohl lösen die Umstände und die Notwendigkeit beklemmende Gefühle aus. Insbesondere eine Aussage nehme ich mit und werde sie so schnell nicht wieder vergessen.

Es ist 06:45 Uhr: Der Samstagmorgen begann ungewohnt früh und ich bin mit vierzehn weiteren Freiwilligen eingetroffen, um die nächste Schicht zu übernehmen. Wir bekommen Warnwesten und werden auf die verschiedenen Stationen verteilt: Essensausgabe, Materialausgabe, Feldbettreinigung, Empfang von neu Ankommenden. Ich bin bei der Materialausgabe von Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel und Spielzeug. Materialausgabe klingt übertrieben, denn die zahllosen Spenden liegen sortiert bereit und die Geflüchteten dürfen stöbern. Ich halte etwas Ordnung und berate so gut es geht. Allerdings ist die Sprachbarriere hoch: Fast niemand spricht Englisch, alle können als Fremdsprache Russisch. Aber, so unser Einsatzleiter, solange wir „händisch und füßisch“ sprechen, wird und muss es gehen.

Friedrich, unser einziger Dolmetscher in den ersten Stunden, ist sehr gefragt und bekommt kaum eine Pause. Wir verteilen, was geht und gewünscht wird. Die Geflüchteten sind bescheiden, ruhig, müssen gar ermutigt werden, etwas zu nehmen. Ich blicke in gefasste, traurige, aber dankbare Gesichter. Die Ukrainer*innen trinken gerne Tee, wie mir Friedrich erklärt, und tatsächlich sehe ich sehr viele mit einem Teebecher herumlaufen. Die ersten Stunden vergehen, es ist ruhig. Dann bekommen wir die Info, dass ein Bus mit ca. Fünfzig Neuankömmlingen bald eintreffen wird.

Eilig wird das Corona-Schnelltest-Zelt draußen in Betrieb genommen, innen der Check-in besetzt. Ich werde gebeten, die Neuankömmlinge in kleinen Gruppen in die Unterkunft zu bringen. Unterkunft, das heißt Feldbettenlager in einer dreigeteilten Turnhalle. Die ersten können nach Negativergebnis rein. Ohne Dolmetschen am Check-in geht eigentlich nichts. Zum Glück ist Friedrich mittlerweile nicht mehr allein. Es kommen überwiegend Frauen und Kinder an, so wie auch schon hier sind. Zweihundert Menschen können hier unterkommen, mit diesem Bus ist die Unterkunft fast voll. Voll, das bedeutet besetzte Feldbetten in Armlänge-Abstand bei immer stickiger werdender Luft. Privatsphäre? Fehlanzeige. Mir läuft zum wiederholten Male in diesen Stunden ein kalter Schauer über den Rücken. Wie würde ich mich an ihrer Stelle fühlen? Die Vorstellung treibt mir Tränen in die Augen.

Konzentration. Die nächste Gruppe ist bereit und ich führe sie hinunter und schäme mich fast, dass ich sie in die immer voller werdende Halle bringen muss. Die Ukrainer*innen nehmen es gefasst hin. Ich habe keine Wahl, sie auch nicht. Einer will von mir sofort wissen, wo die Duschen sind. Ich zeige sie ihm und frage mich, wie lange er sich wohl nicht mehr richtig waschen konnte.

Am Check-in steht eine Familie abseits und ist mit einem von uns Helfern und einer Dolmetscherin zugange. Der Helfer war zwei Tage zuvor bei der Unterkunftsverteilung tätig und ist erkannt worden. Nun wird er nach dem Verbleib von Verwandten gefragt. Er hängt am Telefon und versucht es zu klären. Ob es ihm gelungen ist, bekomme ich zum Schichtende nicht mehr mit.

Unsere Schichtablösung trifft ein, eine halbe Stunde Überschneidung ist eingeplant. Die Neuen werden von einer Mitarbeiterin des Roten Kreuz eingewiesen. Die Fünfzig Neuankömmlinge sind alle aufgenommen und richten sich gerade ein. Dann werden sie kommen und Kleidung, Hygieneartikel und Essen benötigen. Hilfe wird hier fast rund um die Uhr gebraucht. Ich gebe meine Warnweste ab, damit endet mein Dienst.

Nachdenklich sitze ich in der Bahn und fahre nach Hause. Einfach nach Hause, in meinen intakten Alltag, während bei den Ukrainer*innen das Leben aus den Fugen geraten ist. Verrückte Welt … Demut, Dankbarkeit und neu gewonnene Gelassenheit hinsichtlich meiner „Probleme“ machen sich bei mir breit. Ich erinnere mich an Friedrich, der nahe der Behelfsunterkunft wohnt und dort mehrere Stunden täglich übersetzt und vermittelt. Seine für mich prägende Aussage des Tages war:

Viele kommen nur mit einer Tüte. Darin ist ihre Vergangenheit und ihre Zukunft.

Engagiert ihr euch auch bei euch in dieser Krise?
Wo und wie bringt ihr euch ein? Sagt es mir gern in den Kommentaren.

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