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Urlaubslektüren 2020

Man hat bekanntlich immer für das Zeit, für das man sich Zeit nimmt. Wenn kein Sightseeing-Urlaub ansteht, nutze ich den jährlichen Badeurlaub sehr aktiv zum lesen. Dieses Mal sind es drei Bücher geworden. Zweimal SciFi und einen Thriller; Fantasy hatte ich auch im Gepäck, aber schlichtweg keine Lust darauf. Zuerst habe ich Paradox von Phillip P. Peterson gelesen. Danach folgte Der Behüter von Catherine Shepherd und schließlich Exodus 2727 Die letzte Arche von Thariot. Ich habe alle drei gerne gelesen – wobei ich bei einem, eigentlich mein potenzielles Highlight, dann doch unübersehbare und für mich indiskutable Schwierigkeiten habe.

Paradox

Klappentext:
Ed Walkers letzte Mission endete beinahe in einer Katastrophe. Zwar konnte er sich und seine Crew retten, doch nun fürchtet er, als der Astronaut in die Geschichte einzugehen, unter dessen Kommando die Internationale Raumstation ISS zerstört wurde. Daher kann er sein Glück kaum fassen, als er die erste bemannte Weltraummission an den Rand des Sonnensystems anführen soll.
Mit an Bord ist auch der junge Wissenschaftler David Holmes, der das mysteriöse Verschwinden dreier Raumsonden untersucht. Doch als das Raumschiff den interstellaren Raum erreicht, lautet die wichtigste Frage der Menschheit nicht mehr: Sind wir allein im Universum? Sondern: Sind wir bereit für die Wahrheit?

Dieser Roman gehört ins Genre Hard-SciFi, was ich normalerweise nicht lese. Es ist mir oft zu technisch, hier aber wollte ich mich mal darauf einlassen. Peterson ist Ingenieur für Satellitenprogramme, was wenig verwunderlich für dieses Genre ist. Die technischen Darlegungen bleiben jedoch durchwegs auch für einen Laien sowie Genrefremden wie mich verständlich und sind gut in die Story eingebettet. Peterson versäumt es nicht, seine beiden Hauptfiguren ausführlich aufzubauen und gleichzeitig auf die große, zentrale Frage des Romans hinzusteuern.

Erst im letzten Viertel des Buches startet dann endlich die Mission an den Rand unseres Sonnensystems und dadurch wird klar, dass nicht mehr viel kommen kann. Wer eine Story im Weltall bzw. an Bord eines Raumschiffs erwartet, wird enttäuscht werden. War es zuvor noch ein ausführlicher Blick hinter die Kulissen der Raumfahrt, fast schon ein Lehrbuch in Storyformat, wird nun erzählerisch auf die Tube gedrückt. Der mehrmonatige Flug wird zügig abgehandelt und verläuft für mein Empfinden zu problemlos. Die Besatzung muss überwiegend die Zeit totschlagen, Reibereien kommen vor, werden aber gefühlt nur der formhalber angeführt. Im Zielgebiet angekommen geht es jetzt sehr schnell und der sachliche, faktengetriebene Schreibstil wird nun ein Hindernis. Es steckt eine spannende und auch erschreckende Idee hinter der Auflösung, die Peterson jedoch zu flott abhandelt. Zu guter Letzt wird man als LeserIn auch noch mit einem eher bedrückenden Gefühl zurückgelassen. Schade eigentlich, denn bis dahin war es vergnüglicher Lesespaß, der vom überstürzten und stimmungsmäßig düsteren Schluss jäh gebremst wird.

Der Behüter

Klappentext:
Mitten in einer kühlen Sommernacht wird eine Tote vor den Mülltonnen eines Krankenhauses gefunden. Spezialermittlerin Laura Kern findet herau, dass sie Frau zuvor in dieser Klinik behandelt wurde. Ein Überwachungsvideo zeigt sie mit einem Unbekannten, dem sie scheinbar freiwillig folgt. Laura ahnt sofort, dass dieser Mann nicht zum letzten Mal zuschlägt. Und tatächlich ist die nächste Patientin bereits spurlos verschwunden. Beide Frauen wurden von ihren Lebensgefährten misshandelt. Es sieht fast so aus, als wolle der unbekannte Mann sie aus ihrer misslichen Lage befreien. Doch warum tötet er sie dann? Laura Kern jagt einen Serienkiller, der eine Frau nach der anderen entführt und erst aufhören wird, wenn sie ihn stoppt.

Erst hinterher habe ich realisiert, dass es noch mehr Bücher bzw. Fälle mit der Figur Laura Kern gibt, weshalb ich die ein oder andere Anspielung nicht verstanden habe. Gleichwohl war das nicht relevant für die aktuelle Story, sondern vielmehr ein Goodie für regelmäßige LeserInnen. Die Story beginnt klassisch mit einer Leiche, treibt dann aber in unbekannte Gewässer. Durch Perspektivenwechsel zum Täter erfährt man nach und nach, was dieser vorhat und erfährt von seinem persönlichen Dilemma. Unterdessen arbeitet sich Laura Kern in ihren Ermittlungen voran. Einerseits hat mich der Schreibstil nicht sonderlich gefesselt, es blieb stellenweise irgendwie oberflächlich, gleichwohl wollte ich den Schluss erfahren. Gut hingegen hat die Autorin das Verwirrspiel mit den möglichen Verdächtigen gespielt. Das Ende löst den Fall zufriedenstellend und ohne unnötigen Twists in letzter Sekunde auf. Als Teil einer losen Buchreihe um die Ermittlerin Laura Kern gesehen, ein angenehmer Thriller.

Exodus 2727 Die letzte Arche

Klappentext:
Die USS London ist ein interstellares Siedlungsschiff auf dem Weg zu einer neuen Welt. Die Reisezeit beträgt 109 Jahre, die Ziel liegt 50 Lichtjahre entfernt. Die Fracht: drei Millionen menschliche Embryos und sieben Millionen Tiere. Die Besatzung besteht aus 490 Personen, die sich im Kälteschlaf abwechseln.
Alles läuft nach Plan. Bis der Ärztin Jazmin Harper auffällt, dass immer mehr Besatzungsmitglieder psychische Probleme bekommen. Gleichzeitig findet der Ingenieur Denis Jagberg Anzeichen, dass das Schiff deutlich älter ist als gedacht. Beiden ist schnell klar, dass irgendetwas nicht stimmt, doch bevor sie der Sache auf den Grund gehen können, kommt es zur Katastrophe.

Jammerschade, denn das hätte wirklich ein rund herum tolles Buch sein können. Hier stimmt sehr viel: Toll zu lesender Schreibstil, wohl dosiert mit Technikdetails angereichert, aber doch nicht wirklich Hard-SciFi. Sehr interessante Charaktere, die plastisch dargestellt werden und sich toll entwickeln. Die Story bietet vom Setting her viel Spannungspotenzial, welches gut ausgenutzt und weiterentwickelt wird. Die Geschichte ist in sich schlüssig und spielt gekonnt mit plausiblem echtem Inhalt und Fiktion (wie z. B. der Antriebstechnologie, einem Standartproblem für Hard-SciFi bzw. Near-Future-SciFi). Neben den im Klappentext erwähnten Hauptfiguren ist noch der Ermittler Finch zu erwähnen, der keine Gelegenheit auslässt, auf seinen Vater, dem das gewaltige Siedlungsprojekt zu verdanken ist, verächtlich zu schimpfen. Den konkreten Grund dafür erfährt man nicht. Das ist für die Hauptstory nicht relevant, aber da es so penetrant oft vorkommt, hätte es schon für meinen Geschmack noch abschließend thematisiert werden sollen. Die Geschichte wird zweigleisig erzählt, Finch auf der Erde und Geschehnisse an Bord der USS London. Während Finch seinem Vater und einer erschreckenden Wahrheit immer näher kommt, findet an Bord des Raumschiffes schon bald ein mörderischer Überlebenskampf statt. Auch hier durchschaut man allmählich die Situation und zusammen mit Finchs Voranschreiten in der Story erhält man als LeserIn ein schaurig-schönes Gesamtbild der Lage. Das Ende wird nicht überstürzt, sondern hier müssen die beiden Protagonisten nochmal alles geben – sehr schön!

Das war jetzt viel Lobeshymne und doch fällt das Buch leider in Ungnade. Das geringste Übel ist der Tonfall des Erzählers, den ich als furchtbar salopp und oft vulgär empfinde. Das ist eine Stilsache, darüber könnte ich noch hinwegsehen, wobei ich finde, dass das Buch dadurch gehörig an Spannung und Dramatik einbüßt. Schon wesentlich schwerer atmen muss ich bei einer gewissen, einseitigen Betrachtungs- und Darstellungsweise des weiblichen Geschlechts. Es klingt immer wieder durch, zu schwach, um es frauenfeindlich zu nennen, aber für mein Empfinden zu deutlich, um es zu ignorieren. Die weitaus größte Verfehlung jedoch ist die Verwendung des N-Wortes an drei Stellen; alternativ kommt auch in unmittelbarer Nähe „kleine schwarze Schlampe“. Hier gibt es nichts zu diskutieren: Das. geht. nicht. Wie das bei Fischer Tor durch das Lektorat kommen konnte, ist mir schleierhaft und enttäuschend.

Das spannende Setting, die tolle Story und die plastischen Charaktere hätten ein hervorragendes Buch gegeben. Kaputtgemacht wird es durch einen Erzähler im stellenweise vulgären Schnoddertonfall, ein gelegentlich aufblitzendes altbackenes Frauenbild und der Verwendung eines rassistischen Schimpfwortes. In dieser Form sollte es keine zweite Auflage geben.

Was waren eure Urlaubslektüren 2020? Schreibt es mir gern in den Kommentaren 🙂

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